CD-Ripping 2026: Lessons Learned

Mein Projekt zur Digitalisierung meiner Musiksammlung ist abgeschlossen. So quasi. Angefangen hat alles damit, dass wir unseren Lagerraum im Keller aufgeräumt hatten. Dort standen noch meine Kisten voller CDs aus den letzten 25 Jahren. Seit dem Einzug in das Haus lagerten sie dort, Streaming-Dienste haben die physischen Tonträger quasi in die Vergessenheit gedrängt. Genau so, wie meine Tape-Sammlung. Lediglich die Vinyl stehen seit Anbeginn hier in der Wohnetage. Nun habe ich die Aufräumaktion im Keller als Anlass für zwei Tätigkeiten genommen: Ausmisten und eben digitalisieren. Seit dem 19. August bis heute, 28. September, habe ich 584 offizielle Veröffentlichungen digitalisiert. Dazu noch eine Hand voll inoffizielle, sowas wie Demo-CDs von kleinen Bands, Bootlegs, etc. Was vor ein paar Jahren noch ein relativ normaler, alltäglicher Prozess war, wirkt heute doch wieder erfrischend aufregend. Denn es hat sich in den letzten Jahren auch einiges in den Abläufen getan. Darum an dieser Stelle eine kleine Retrospektive und ein wenig Lessons Learned!

Home Office rockt!

Es ist 6:30h. Ich sitze bereits am Arbeitsplatz im Home Office, die Tasse Kaffee neben mir. Der Tag ist gut gefüllt mit diversen Meetings, adhoc Troubleshooting und der Erstellung von Pflichtenheften. Doch nebenbei läuft mein Privat-Laptop und das externe CD-Laufwerk zurrt wie ein Kätzchen - interne Laufwerke hat ja heute niemand mehr! Aber im Ernst, ohne Home Office hätte ich wohl nicht den Durchsatz an CDs digitalisieren können und wäre noch Wochen bis Monate mit dem Unterfangen beschäftigt. So kam ich auf 15-20 CDs pro Tag, die nebenbei auf meine Festplatte gezutzelt wurden, derweil ich Brot-Jobbte.

Das Internet rockt!

Ich erinnere mich noch an das Ripping früher(R). Wenn asunder damals keinen Eintrag bei CDDB gefunden hatte, musste ich die Meta-Daten allesamt manuell eintragen. Heute guckt cyanrip erstmal bei Musicbrainz nach der CD. Wird die da nicht gefunden, kein Ding! Wemms erstmal auf Platte, anschließend lass ich beet die Daten von Discogs ziehen! Ohne diese Datenbanken im Internet wäre das ordentliche Sortieren eine Herkulesaufgabe. Wobei ich auch gestehen muss: Damals habe ich oftmals Promo-CDs digitalisiert, die ich als „Journalist“ vor der Veröffentlichung bekommen habe und war somit meist einer der ersten, die ein Album rippen wollten. Entsprechend gab es früher noch gar keine Einträge in den Datenbanken, außer man hat diese dann selber angelegt. Und ich denke, von mir stammen sicherlich ein paar Datensätze von CDDB, die Asunder in meinem Auftrag anonym übermittelt hat…

Das Internet weiß viel, ist aber nicht allwissend.

Welche CD in welcher Datenbank eingetragen ist, ist auch irgendwie Topfschlagen im Minenfeld. Ich war zuweilen echt überrascht, welch obskure Demos und EPs von cyanrip sofort in Musicbrainz gefunden wurden, derweil manch durchaus bekanntere Veröffentlichung scheinbar keinen passenden Fingerabdruck hatte und nachträglich über beets verschlagwortet werden musste. Am Ende trotzte das Internet aber meinem ziemlich obskuren Musikgeschmack und ich fand ca. 99% meiner Sammlung sowohl in Musicbrainz wie auch Discogs. Nur vereinzelte Alben oder gar Bands waren nicht vertreten. So mitunter die bayrische Grindcore-Band A-Team wie die Aachener Havocate sind scheinbar gänzlich in das digitale vergessen Gefallen.

Manchmal muss halt doch Handarbeit

Derweil ich an die 600 CDs quasi in Fließbandarbeit automatisch über die Kette cyanrip und beet wegsaugen konnte, blieben am Ende ca. 10 CDs, wo ich eben doch selber tätig werden musste. Bei zwei offiziellen, gepressten CDs habe ich schlicht die Datensätze vorher in Musicbrainz angelegt. Die anderen CDs waren Demo-CDr von lokalen Bands, die heute wohl kein Schwein mehr kennt. Da kann ich mir auch den Eintrag in einer Datenbank sparen und ich wechselte auf den alten bekannten asunder. In dem grafischen Ripper konnte ich dann einfach die Tracklist und rudimentären Metadaten von Hand eingeben, bevor ich beets den Import in die Sammlung übernehmen lies.

Nichts bleibt für die Ewigkeit

Derweil sich die Audio-Kassette als ziemlich unverwüstlich etabliert hat, und gerade deswegen auch nie wirklich weg war, sind CDs da schon ein wenig… zickiger. Gerade das ehemalige Heilmittel der CDr, das ein versprechen an günstigen Tonträger für Newcomer oder Underground gab, muss sich langsam beweisen. Und wie erwartet, sind einige CDrs aus den letzten 28 Jahren nicht mehr lesbar. Bei manchen waren Aufkleber mit Beschriftung angebracht, die sich langsam lösen und die Reflektionsschicht mitnehmen. Bei anderen Discs hat sich schlicht die Reflektionsschicht selber zersetzt.

Aber selbstgebrannte CDs sind nicht die einzigen Scheiben, die am Alter leiden. Auch so manch kommerziell gepresste CD leidet unter dem „Disc Rot“ und war nur noch teilweise bis gar nicht lesbar.

Insgesamt beziffert sich die Anzahl unzurettender Tonträger bei mir wohl bei unter 0,1% meiner Sammlung. Ich hatte aber auch schon viele CDrs bereits zuvor entsorgt und gar nicht mehr in der Sammlung vorbehalten. Nur noch ausgesuchte Demos oder Eigenproduktionen stehen im Regal.

Verlorene Reliquien

Ach, die heutige Streaming-Generation wird so viele Dinge gar nicht erst kennen. Beispielsweise Bonus-Songs, die auf limitierten Erstauflagen waren. Oder der Neuauflage. Oder auf dem gleichen Album, das einfach in einem Digipak anstelle eines Jewelcases veröffentlicht wurde. Dabei mussten Bonus-Songs nicht mal gut sein, sondern konnten auch schlicht Live-Aufnahmen in beliebig miserabler Qualität sein. Ein paar Songs mehr und schon konnte man die CD ein bisschen teurer verkaufen. Ich glaube, nach diesem Prinzip funktionierten die Japan-Editionen auch damals.

Neben Bonus-Songs gab es auch Bonus-CDs, auch gerne Live-Aufnahmen in fragwürdiger Qualität. Oder Multimedia-Inhalte, dass man - aus heutiger Sicht grobpixelige - Video-Dateien in einer CD-ROM-Session mit auf die Compact Disc gepackt hat.

Und neben Bonus-Songs gab es dann ja auch noch Hidden Tracks. Wenn die Hersteller es gut gemeint haben, war es ein zusätzlicher Song, der einfach nicht auf der Tracklist stand. Dann kann man das relativ einfach und brauchbar direkt rippen. Aber meist war einfach im letzten Song des Albums am Ende mehrere Minuten Stille, bis dann der Hidden Track anfing. Das kann man sicherlich mit einer DAW der Wahl auch noch nachträglich auseinanderschneiden, aber erstmal hat man eine dicke Datei mit einem mutmaßlich langen Song auf die Festplatte gespeichert.

Und dann fange ich lieber nicht mit so Kuriositäten an, wie zweiseitige Discs, die auf einer Seite CD und der anderen DVD waren, wo man nie wusste, wie man die Scheibe am besten anpackt, ohne direkt Fingerabdrücke auf dem Medium zu hinterlassen, was ja wiederum zu Problemen beim Abspielen führen kann.

Überfluss im Überfluss

Ich habe ja schon gut ausgemistet. Etwas mehr als ein Umzugskarton von CDs ist schon in die Hände eines bekannten gewandert und über die letzten Jahre haben auch vereinzelte CDs und Schallplatten ihren Besitzer gewechselt. Dennoch komme ich weiterhin auf an die 1000 Tonträger in Vinyl, Tape und CD. Aber ich muss auch ganz ehrlich gestehen: Es könnten auch deutlich weniger sein. Von einigen Bands sind vielleicht nur einzelne Lieder für mich essenziell. Und bei einigen Musikgruppen nicht mal diese. Ich könnte die Sammlung wohl nochmal deutlich einkochen, nostalgische Verklärung und Erinnerungen entkoppeln und hätte dennoch keinen Verlust. Diese Sammelleidenschaft nur um des Sammelns willen hatte ich eh nie so wirklich verstanden, CDs und LPs waren bei mir schon immer dazu da, dass man sie auch abspielt. Vieles habe ich seinerzeit sicherlich auch in Ermangelung an Streaming-Möglichkeiten gekauft - und weil für mich der Kauf einer CD und die damit einhergehende finanzielle Unterstützung für die Musiker wichtig war. Darum hat man oftmals ungehört und eben auf vage Empfehlung eine Menge Zeug gekauft, die heute nur im Regal verrotten.

Vielleicht ist das ein Unterfangen für die nächste Aufräum-Aktion, dass ich die Sammlung auf maximal 500 Tonträger reduziere, die mir wichtig sind. Und wer weiß? Vielleicht schaffe ich in einer nächsten Interation dann die radikale Reduktion auf eben die wichtigsten 250 Platten? Es wäre zumindest ehrlich - auch mir selbst gegenüber.

Die eigene Retrospektive

Wie gesagt, meine Sammlung wuchs über die letzten 25 Jahre und durch unterschiedliche Einflüsse. Empfehlungen von Freunden, Bekannten, Fanzines. Promo-CDs für mein Musikmagazin. Einiges auch schlicht aus der Sammelleidenschaft, um die Diskografie bestimmter Bands vollständig zu haben. Mit etwas Abstand blickt man dann auf die Sammlung und lernt daraus eine Menge.

Ich habe gelernt, wie sich über die Jahre selbst innerhalb der angeblich Trend-losen Szene immer wieder Trends abzeichnen.

Ich habe gelernt, wie mein Geschmack sich von diesen Trends beeinflussen ließ.

Ich habe gelernt, wie ich schon früher gut zwischen dem musikalischen und lyrischen Aspekt von Musik trennen konnte. Manch infantiler Text von bitterbösen Death Metal-Bands löst heute tendenziell eher etwas fremdschämen in mir aus, derweil ich die Musik nach wie vor hervorragend finde.

Ich glaube aber auch, eine Detailbetrachtung würde diesen eher technischen Artikel sprengen und bedarf sicherlich eines eigenen Textes….

Der Luxus der Zeit

Man ist jung und hat Angst etwas zu verpassen. Man ertränkt sich selber im Überfluss an Veröffentlichungen. Als Musikmagazin wird man täglich mit neuen Veröffentlichungen überschüttet, die nach medialer Aufmerksamkeit schreien. Und am Ende bekommt kein Album die Aufmerksamkeit, die es eigentlich verdient.

Heute habe ich nicht mehr diesen inneren und äußeren Druck und kann mir den Luxus gönnen, einem Album die Zeit zu geben, die es braucht. Und ich habe den Luxus, dass ich mit der Zeit wesentlich mehr Erfahrungen mit Musik sammeln konnte, heute also kompetenter die Musik hören und (für mich) einordnen kann.

Status Quo / Quo vadis?

Mittlerweile läuft die digitale Musiksammlung komplett auf meinem Heimserver und wird über navidrome in das Netz serviert. Substreamer empfängt auf dem Smartphone und gibt es bei Bedarf an meinen Raspberry Pi an der Anlage wieder. Seit dem ersten Ripp läuft Spotify nur noch, um den abendlichen BBC Global News Podcast zu empfangen. Hintergrundbeschallung, Soundtrack fürs Gym oder die Gartenarbeit kommt aus der persönlichen Sammlung. Auch wenn das Rippen (und Erfassen in Discogs) zuweilen etwas nervig war, überlagern doch gerade die positiven Gefühle. Alte, vergessene Schätze, gute Musik, schlechte Musik, nostalgische Erinnerungen und das Hinterfragen des eigenen Musikgeschmacks.