Person Purpose Software

Das Thema AI im Allgemeinen, aber auch Vibe Coding im Speziellen ist sehr kontrovers. Natürlich gibt es valide, sachliche Argumente wie Ressourcen-Hunger, die man schlicht nicht außer Acht lassen darf. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es in der Debatte häufig an Dialektik fehlt - wie heute leider in fast allen Bereichen des Lebens. Es gibt nur die binären Zustände „dafür“ und „dagegen“. Bei aller Kritik an den Big-Techbros, der Oligarchisierung des Internets/der Gesellschaft oder dem Totschlagargument des „Slops“ geht mittlerweile jedwede Objektivität verloren.

Da fand ich den Artikel von Konnexus sehr passend:

AI-Tools wie Claude Code verschieben die Kategorie dessen, was realistisch ist. Vorher war es auch möglich, Midnightie zu schreiben, komplett auf Sandra zugeschnitten. Aber das hätte mich Wochen gekostet. Vor allem mich, einen Hobby-Coder.

Und das ist eben einer der Fälle, wo die Dialektik greift. Ja, AI benötigt Ressourcen. Allerdings benötige ich auch Ressourcen, wenn ich ein solches Projekt umsetzen will. Zum einen die Betriebsenergie für meinen Computer, Brennwert für meine Gehirnleistung und was ziemlich unterschätzt wird: Zeit. Das wird irgendwann die wertvollste Ressource und man muss damit ziemlich gut wirtschaften.

Dabei ist sicherlich durchaus fraglich, ob man wie im Falle von Konnexus’ eine neue Blog-Engine entwickeln muss. Davon gibt es wirklich wie Sand am Meer, für jeden Einsatzzweck, für jede Laufzeitumgebung, für jede Datensenke (ob nun Flat-File, RDBMS, NoSQL, Steintafel). Aber ich verstehe den Punkt: Manchmal muss die Anwendung auf den Anwender zugeschnitten sein, die Nutzungshürde niedrig halten. Nicht den Anwender in die Anwendung zwingen. Und wenn die neue Blog-Engine dann auch langfristig genutzt wird, war der Einsatz der AI auch nachhaltig - imho.

Ich selber hatte erst kürzlich einen ähnlichen Einsatzzweck, jedoch in einer ziemlichen Nische: Meine Frau macht eine Fortbildung zur SAP-Berater*in. Als Lernmaterial zur Prüfungsvorbereitung hat sie eine Excel-Tabelle bekommen, wo Fragen, Antworten und Richtigkeit der Antworten einfach in Tabellenzeilen gequetscht wurden. Das fand sie - verständlicherweise - sehr sperrig zum Lernen. Sie wollte etwas, wie meine Fahrschul-App. Ich hätte sowas sicherlich auch programmieren können. Mit mangelhafter User-Experience. Und mit wochenlangem Aufwand für Frontend, Backend, Design und eben der mangelhaften User-Experience. Und am Ende wäre das Tool endlich fertig, aber der Prüfungstermin gleichsam verstrichen. Dank Claude Code war die Lern-App jedoch in 10 Minuten einsatzbereit und lief auf dem Homelab im Intranet. Der Mehrwert dieser Anwendung liegt vielleicht nicht im langfristigem Betrieb, aber eben im nachhaltigen Lerneffekt und einer (hoffentlich) später bestandenen Prüfung.

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