Die persönliche Homepage als digitale Modelleisenbahn

Modelleisenbahnen sind ja so eine Sache. Gemeinläufig wird dieses Hobby als nicht sonderlich cool angesehen. Und dennoch fasziniert es die Leute scheinbar genug, alsdass Institutionen wie das Miniatur Wunderland regen Besucherstrom haben, oder der lokale Händler dieser Devotionalien auch immer interessierte Leute am Schaufenster hat.

Prinzipiell muss ich gestehen: Ich kann mit Modelleisenbahnen wenig anfangen. Und dennoch habe ich sowas wie das digitale Äquivalent zu einer Modelleisenbahn: Meine persönliche Homepage.

In den Grundsätzen unterscheiden sich beide Hobbys nicht sonderlich voneinander. Man betreibt diesen Zeitvertreib primär für sich selber, hat mehr Vergnügen an dem Selbstzweck der Eisenbahn denn dass es ein Mittel zum Zweck ist, kann sich super mit Gleichgesinnten über das Thema austauschen und wird von außenstehenden dafür belächelt…

Beispiele gefällig?

Eisenbahner:

“Ich habe nun von Spurweite H0 auf Z gewechselt.”

Blogger:

“Ich habe nun von Wordpress zu Pure Blog gewechselt.”

(Zugegeben, ich musste mir von GPT für den Modelleisenbahnvergleich helfen lassen, da ich von dem Thema absolut keine Ahnung habe. Aber Du verstehst meinen Punkt.)

Nun sind Modelleisenbahnen eigentlich zwecklos (bewusst als Abgrenzung zu “sinnlos” formuliert); eine Modelleisenbahn ist ein Selbstzweck. Man beschäftigt sich mit dem Aufbau einer individuellen Landschaft im eigenen Keller, liest sich in die Technik ein, sucht im Internet nach Bauteilen oder ist kreativ und bastelt sich selber seine Landschaften. Und für viele Blogs trifft auch genau diese Beschreibung zu: Es ist ein Selbstzweck!

Wie viele Blogs sind primär mit Texten gefüllt, die der Blog installiert, eingerichtet oder konfiguriert wurde? “Blogbasteleien”, “Migration von Wordpress zu Hugo”, “Neues Plugin für Kommentare/Fediverse für Bear Blog getestet” oder “Eigenes Theme für Ghost” , Hund, Katze, Maus. Oder wenn man sich von der Technik etwas entfernt: Blogposts über “Blogstöckchen”, “Blogparaden”, “Bloggerwochen”, Bloggen über das Bloggen. Man nutzt das Werkzeug Blog nicht wirklich, um damit eine Botschaft zu vermitteln, sondern wie den alten VW Bulli, der als Wochenendprojekt zum Schrauben in der Halle eines Bekannten steht und wohl niemals für den geplanten Kroatienurlaub fertig sein wird.

Bitte nicht falsch verstehen! Es ist vollkommen in Ordnung, dass man so ein Hobby primär für sich selber betreibt. Ein paar Leute haben das durchaus auch erkannt, benennen das “A/N” (oder “E/N”) Prinzip explizit in ihren /about-Seiten: Diese Webseite bedeutet für mich alles, für jeden Außenstehenden jedoch nichts. Ich glaube, diese Attitüde ist in dem Hobby auch eine gesunde Grundeinstellung. Es nimmt Druck, man muss nicht permanent irgendwelchen Inhalt produzieren. Man schreibt für keinen externen Leser, sondern primär für sich selber. Und ironischerweise ist es diese Authentizität und Ungezwungenheit, die man mit Vergnügen liest und mitverfolgt.

Und es ist auch nichts verwerfliches daran, dass man einen Blog als Selbstzweck betreibt. Alleine diese Seite ist ein wunderbares Beispiel für den selbstbefruchtenden Spieltrieb! Das Hosting im Homelab geklöppelt, den Hauptfeed aus dem Fediverse mit Python gehobelt, freie Zeit genutzt für Pinselstriche an Tags, Meta-Daten, CSS und HTML. Der Inhalt? Für die meisten wohl langweilig, uninteressant, belanglos. Im Endeffekt: Nichts! Für mich? Vielleicht alles. Weil es eben eine Zerstreuung vom Alltag ist. Weil es auch eine Zeitkapsel ist, die ich später erst wirklich zu schätzen weiß. Vielleicht, weil es eine digitale Identität ist, die abseits von Social Media Profilen funktioniert und derer ich der eigene Herr bin. Doch bis diese Seite einen Zweck erfüllt, darf sie auch gerne weiterhin Selbstzweck sein.

Ich bin mir dessen aber auch bewusst, dass es eben ein Hobby für mich und nur für mich alleine ist. Mit Gleichgesinnten kann man darüber sicherlich gut quatschen und philosophieren. Auf der nächsten Party werde ich auf die Frage nach meinen Hobbys wohl eher nicht mit “Blogging” antworten. Vielleicht bleibe ich einfach bei “Hundertfüßer, Sport und Gartenarbeit”. Da wird man sicherlich auch noch für belächelt. Aber nicht so sehr, wie für die Modelleisenbahn im Keller…

Kleiner Exkurs: Dieses Selbstzweck-Ding ist ja auch kein Nischenphänomen von Bloggern. Auf Twitter (heute wohl X) oder Mastodon gerät das ja auch auf eine Meta-Ebene. Twittern über Twitterer, Tweets und die eigene kleine Community. Oder tröten über Mastodon und dass das Fediverse ja viel mehr ist. Oder dass man gleich Haue bekommt, weil man einen Hashtag zu viel und eine CW und Bildbeschreibung zu wenig benutzt hat. Das ist aber alles ein anderes Thema…

Und beim nächsten Mal erkläre ich, warum Vinyl- und Tape-Sammler im Prinzip auch nur eine Hipster-Variante des belächelten Briefmarkensammlers sind. Folgt mir für mehr Kochrezepte auf Onlyfans!