Methodik: Sketchnoting
Die meisten Dinge, die ich neu Lerne, versuche ich an konkreten Problemstellungen im „Hands-on“ zu erfassen. Beispielsweise Logo-Erstellung im Vektor-Programm, Webdesign mit CSS oder Javascript direkt im Quellcode, Basslinien, Harmonien und Rythmen direkt am Instrument. Learning by Doing funktionierte bisher für mich immer ganz passabel.
Doch wird es dann abstrakter, wird es schon etwas schwieriger. Neben beruflichen Anforderungen, benötige ich Informationsaufbereitung privat eigentlich nur für mein Musikmagazin. Wo ich auf der Arbeit eine Kundenanforderung erfassen muss, um ein Umsetzungskonzept zu erarbeiten, oder gar eine Lösung zu Implementieren, stellt sich zuhause lediglich die Problematik, wie ich Interviews vorbereite, oder die wichtigsten Punkte zu einer Veröffentlichung für mein Review zusammenstelle.
Bisherige Informationsaufbereitung / Workflow
Bisher war ich dabei immer sehr puristisch. Gerade die wiederkehrende Aufgabe der Musikkritik habe ich eigentlich seit 10 Jahren nach dem gleichen Schema erledigt:
- Album mehrfach hören. Sowohl nebenbei beim Arbeiten, auf Zugfahrten, über Kopfhörer, Laptop oder die Stereo-Anlage
- Album intensiv hören. Dazu wird die Musik nach dem ersten, oberflächlichen Kennenlernen im Mehrfachhören intensiv gehört. Am besten über Kopfhörer oder direkt vor der Anlage. Dabei werden Notizen gemacht, besondere Passagen festgehalten und Bezüge niedergeschrieben.
- Schlussendlich wird das Review geschrieben. Dieser Prozess ist eigentlich auch mehrgliedrig und iterativ. Erst werden die wichtigsten Aspekte analysiert, die ich im Review darstellen will. Dann werden diese Elemente gegliedert und sortiert. Dann – im schwierigsten Teil – wird die Einleitung ermittelt. Anschließend folgt der Fließtext. Dann die Formatierung. Dann wird der Text noch mal korrekturgelesen. Fehlerbehoben und abermals korrekturgelesen.
- Am Ende steht die Publikation des Textes – meist immer noch mit Fehlern in Orthografie, Grammatik oder Formatierung. Aber nach 10 Jahren Webzine, ist mir das mittlerweile relativ egal. Besonders, wenn ich lese, was andere Magazine teilweise für einen Buchstabensalat hinterlassen.
An dieser Vorgehensweise hat sich in den letzten 10 Jahren kaum was geändert. Zu Beginn habe ich meine Notizen noch per Hand auf ein Blatt Papier gemacht. Später wechselte ich zum Text-Dokument. In fester Struktur wurden Informationen zum Album und meine Anmerkungen zu den einzelnen Liedern untereinander geschrieben. Relativ statisch und unübersichtlich. Irgendwann schrieb ich in Markdown um wichtige Punkte zu kennzeichnen. Und der Nerd in mir hat die Tracklisten meist per Kommandozeilenbefehl aus dem Verzeichnis mit der Musik importiert. Vim sei Dank!
Wenn man seit Jahren in einem eingefahrenen Prozess steckt, merkt man die Unzulänglichkeiten und Nachteile gar nicht mehr. Die Formatierung in Markdown hat beispielsweise ihre Schwächen. Man muss sich eine Syntax überlegen, wie man relevante Anmerkungen hervorhebt, nominelle Bewertungen und Kriterien dazu notiert und eventuell Bezüge zu anderen Songs, Alben oder gar Künstlern festhält.
Der automatische Import der Tracklist hat über die Zeit zur Folge gehabt, dass ich die Liednamen nicht mehr kannte. Ich wollte einem Freund einen Song vorspielen und wusste nicht mehr wie er hieß. Mit etwas Glück kannte ich die Track-Nummer und konnte dann auf Metal-Archives.com den Namen recherchieren. Aber ist das noch eine intensive Auseinandersetzung mit einem Tonträger?
Sketchnotes
Bei meinen Recherchen zu Selbstorganisation, zum Thema Journaling und besonders zu Bullet Journals, bin ich über Sketchnotes gestolpert. Man visualisiert Inhalte und Ideen und macht sie so verständlicher, verinnerlicht sie und zeigt sie – hoffentlich – nachvollziehbar für den späteren Leser der Notiz. Und wie man vom Programmieren kennt: Eigener Quellcode, den man zwei Wochen nicht gelesen hat, ist fremder Quellcode. Gleiches gilt für zu stark abstrahierte und abgekürzte Notizen.
Dabei geht es beim „Sketchnoting“ nicht mal primär um das Zeichnen. Sondern um das Darstellen von relevanten Informationen. Man kommt ohne Skizzen aus, wenn man alleine durch veränderte Typografie wichtige Daten hervorhebt. Durch Markierungen wie Striche und Kästchen, kann man zusätzlich Informationen kennzeichnen, durch Linien und Pfeile Beziehungen herstellen.
Das Konzept hat mir eigentlich sofort gefallen. Ähnlich wie das Bullet Journal sind Sketchnotes so simpel wie man es braucht und kann und gleichzeitig so flexibel und ausschweifend, wie man es will.
Ressourcen zu Sketchnotes gibt es im Internet zu Hauf. Einsteigertipps [1][2][3][4], Inspirationen auf Pinterest, oder gar den Workshop von der re:publica 2015 als Video. Wer sucht, wird auch noch Gruppen auf Flickr, Facebook, Xing und so weiter finden.
Selbstversuch
Im Versuch habe ich einfach mal zwei Reviews nicht an der Tastatur vorbereitet, sondern wieder klassisch mit Papier und Stift.
Wichtige Aspekte waren auf den ersten Blick ersichtlich, ich musste nicht lange nach Markdown-Syntax im langen Text suchen. Bezüge waren einfacher zu erkennen, einzelne Informationsblocks (Meta-Infos wie Erscheinungsjahr, Spieldauer, Format, Limitierungen, Bezugsquellen) kann man klar strukturiert zusammenfassen. Durch handschriftliches Festhalten von Songnamen und den jeweiligen Notizen habe ich wieder einen besseren Bezug zu den Daten und damit auch zu den Liedern/dem Tonträger selber.
Wo ich an der Tastatur schon mal versucht war – und dieser Versuchung zugegebenermaßen auch häufig nachgegeben habe – in Passagen mit weniger notierenswertem Inhalt mal eben durch ablenkende Internetseiten zu streifen, schmücke ich nun die Sketchnote aus, hebe Informationen hervor oder verinnerliche Songnamen oder Notizen durch Verzierungen. Im richtigen Moment kann ich aber auch schnell weiter meine Niederschriften weiterführen.
Bisher habe ich lediglich zwei Kritiken mit Sketchnotes vorbereitet. Aber die intensive Auseinandersetzung mit meinen Gedanken und dem Tonträger selber, gefällt mir schon mal sehr gut. Vielleicht merke ich auf lange Sicht, dass diese Methode doch nicht so applikabel ist. Vielleicht, wenn eine Grindcore-Platte auf dem Teller liegt, wo alle 20 Sekunden ein neuer Song auf mich einprügelt und ich insgesamt 70 Songtitel bei 25 Minuten Spielzeit niederschreiben muss. Doch dann kann ich die Sketchnote an die Umstände entsprechend auch zu reinen Notizen reduzieren. Und sollte es gar nichts für meinen Arbeitsfluss sein, wechsele ich wieder zurück zum bisherigen, erprobten und bewährten Verfahren mit Vim und der Textdatei. Doch solange will ich einfach mal was neues probieren und wieder die intensivere Auseinandersetzung genießen…