Interview mit Ancst

Dieses Interview wurde ursprünglich auf meinem alten Webzine NecroSlaughter.de veröffentlicht.

Ancst - Logo

Bitterböse, kalte Musik, in der Schnittmenge aus (Post-) Black Metal, Crust und nihilistischem Hardcore. Irgendwo zwischen Fall Of Efrafa, Downfall Of Gaia, Tragedy und norwegischer Schwarzwurzelsuppe stehen ANCST aus Berlin. Die beiden Rabauken Tom und Throsten machen ordentlichen Lärm und präsentieren ihre Musik in schönen DIY-Packages. Nachdem mich die EP “The Human Condition” bereits auf Bandcamp richtig weggefetzt, und die Aufmachung der dazugehörigen Kassette gleichermaßen umgehauen hat, musste ein Interview mit dem Kollektiv her. Das Ergebnis ist aufgrund mangelnder Bilder vielleicht etwas trocken präsentiert. Dafür sind die Antworten sehr interessant und intelligent szenereflektiv.


1. Hallo Tom! Vielen Dank, dass Du mir ein Interview gibst. Wie geht es Dir, wo ANCST gerade ihre neue EP als Tape rausgebracht haben?

Tom: Hallo Chris, selber danke das du uns gefragt hast. Uns geht’s super und wir freuen uns das dass Tape endlich draußen ist. Hat lang gedauert.

2. Über die Facebook-Seite Metal On Cassette wurde ich auf “The Human Condition” und den dazugehörigen Stream auf Bandcamp aufmerksam gemacht. Von Anfang an konnten mich die beiden Songs fesseln und liefen schnell auf Dauerrotation bei mir. Schnell war das entsprechende Tape bei Dark Omen bestellt, wenngleich ich mich erst kürzlich mit eurer ersten Demo befasst habe. So alt sind ANCST aber - oder auch dennoch - gar nicht. Euer erster Output erschien gerade im August 2012. Darum geht an dieser Stelle leider kein Weg an einer kleinen Vorstellung vorbei. Wer verbirgt sich hinter ANCST, seit wann spielt ihr zusammen Musik und gab es vielleicht bereits (gemeinsame) musikalische Vorgeschichten um eure Mitglieder? Auf euren Webauftritten bei Bandcamp und Facebook seid ihr ja sehr sparsam mit Informationen…

Tom: Ancst besteht zum Hauptteil aus Torsten und mir. Ab und zu helfen noch ein paar Freunde aus und spielen mal ein paar Riffs ein oder helfen mir beim Aufnehmen aber im Großen und Ganzen sind es nur wir beide. Da Ancst keine Band im klassischen Sinne ist und wir ja auch nicht live spielen, haben wir da noch Luft für andere Sachen. Torsten hat früher bei Hoilkrampf und Disschrist gelärmt und übernimmt momentan Drums und Gesang bei Gamera. Nette Mischung aus Sludge und metallischem Screamo Krams. Demo kommt auch bald, wenn alles klappt. Ich hab früher bei der Mathcore Band Call Me Betty gesungen und spiel seit deren Auflösung bei Henry Fonda (powerviolence) und Afterlife Kids (90s emo mosh).

Torsten: Ich kenn Tom schon eine ganze Weile. Er hat mich vor ein paar Jahren angesprochen und gefragt, ob ich Bock hätte auf einer seiner Proberaum-Shows Burger zu verkaufen. Das war dann auch auf jeden Fall eine krasse Erfahrung für mich, weil ich bis zu dem Zeitpunkt noch nix über ihn, seine Band und seine DIY-Affinität wusste und auf dieser Show in einem szenemässig toten Bezirk Berlins total viele Menschen waren. Ich war zwar der einzig Nüchterne in dem Haufen, was aber letzten Endes egal war und heute auch immer noch ist (daran hat sich nämlich bis jetzt immer noch nichts geändert :-)).

Danach gab’s immer wieder Berührungspunkte in Bezug auf Zines beispielsweise oder wir haben uns so auf Shows getroffen. Und ich habe Henry Fonda schon gefühlte 666 Mal gesehen und werd irgendwie nicht müde…Crew Love is True Love oder so…

3. Gehört eure reduzierte Informationspolitik eher zum Mysterium passend zum Black Metal oder mehr zu der Anonymität, die einige linksautonomen Kapellen pflegen? Immerhin sprecht ihr von ANCST auch nicht als Band, sondern als Kollektiv. Warum besteht für euch der Grund zur klaren Trennung?

Tom: Dieser Kollektiv Gedanke hat sich bei anderen Projekten in der Vergangenheit gut bewährt. Keine klassische Bandstruktur zu haben und seine Freunde einladen zu können um was einzuspielen wenn sie grad Bock haben, nimmt dem Ganzen ein paar von den selbstauferlegten Grenzen und bringt mal frische Luft in so manchen Song. Ich persönlich halte recht viel von wechselnden Line Ups. Außerdem hat keiner Bock auf einen Genre-üblichen Black Metal Namen und diesen ganzen Personenkult-Scheiss.

Torsten: Ich seh das ganz ähnlich. Mal davon abgesehen, dass diese Corpse-Paint-ich-schände-den-ganzen-Tag-nur-Jungfrauen-oder-habe-irgendwelche-Tierköpfe-auf-der-Bühne-aufgespiesst-Zeit mal langsam vorbei ist und ich persönlich generell mehr musikalische Charakteristika in diesem Genre gut finde, als deren Akteure inklusive deren Meinung(en), ist es für mich bei Ancst auch ziemlich wichtig, politische Ansichten nach Aussen zu tragen, dies als kathartische Funktion zu sehen und sich dabei wiederum nicht nur als Einzelperson zu sehen. Es gibt so viele talentierte, angepisste Menschen in unserem Umfeld, denen manchmal einfach nur die Zeit fehlt, um in der fest strukturierten Band aktiv und kreativ zu sein. Oder sie sind bei eben so einer festen Band aktiv, haben aber noch Lust nebenbei was anderes zu machen. Bei Ancst gibt’s so gut wie keinerlei Zeitdruck, wir spielen wahrscheinlich nie live und trotzdem entstehen Songs die auf sehr viel positive Resonanz stossen.

Ich finds schon irgendwie cool, weil das mein Ego ein bisschen pusht, aber prinzipiell und gerade wegen den obengenannten „Vorteilen" nutz ich das schon sehr als Ventil für meine alltäglichen Frusterlebnisse und auch weil gerade diese HC-Punk-DIY-Subkultur aktuell oder in regelmässigen Zeitintervallen sehr an Inhaltslosigkeit zu leiden scheint. Eigentlich ist selbst das nicht schlimm, weil ich dieses Subgenre schon immer für seinen Facettenreichtum sehr geschätzt habe, aber ich habe den Eindruck das schon vieles an sozialer Kompetenz, und wenn’s nur diese eine Sache ist, in den letzten Jahren extrem verlorengegangen ist. Stichwort New Media Disease. Hat zwar alles irgendwo seine Vorteile, aber eben nicht nur.

Ich will da jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen, weil das den Rahmen sprengen würde.

Ich will damit nicht sagen, dass mein Wort die einzige Wahrheit ist, ich der Anarcho-Checker bin und Hardcore/Metal/DIY sich nur noch auf akademischen und lyrisch hochwertigen Ebenen bewegen muss, weil sonst irgendwann die emotionale Komponente total wegfallen würde.

Aber Rap braucht schliesslich auch kein Abitur, um true zu sein.

Siehe Scott Vogel.

4. Das Mantra, das auf euren Webpräzensen immer wieder hervorgehoben wird, ist “Anti-fascist, anti-sexist, anti-religion”. Letztgenannter Punkt ist sicherlich einer der Grundpfeiler des Black Metals. Doch gerade die deutliche Positionierung zu den ersten beiden Themen, ist irgendwie eine Besonderheit in dem Genre. Dabei darf man natürlich der Szene nicht per se rechte Ausrichtung oder Sexismus vorwerfen. Dass es innerhalb dieser Subkultur aber einen deutlichen braunen Sumpf gibt, muss man aber leider auch nicht mehr erwähnen. Wieso stellt ihr aber diese Anti-Haltung gegenüber diesen Problembewegungen im Black Metal so deutlich hervor?

Tom: Wir finden das dass wichtige Grundpfeiler für ein Miteinander sind. Und wenn du Leute aus sowohl der Metal als auch der HC Subkultur fragst was sie daran so schätzen, dann denk ich das es oft um Community und eine gewisse Gruppendynamik geht. Ich will mich aber nicht irgendwo aufhalten, bzw. mich als Teil von etwas verstehen, das bestimmte Menschen wegen ihrer sozial konstruierten Geschlechterrolle oder ihrer Herkunft ausschließt. Ich finde viele Texte und auch oft die Bildersprache im Bezug auf Frauen in der Metal-, aber auch HC-Subkultur manchmal nur fragwürdig und pubertär und mir ist es wichtig, das man das, was da passiert, reflektiert und mal die Augen aufmacht und kapiert, dass obwohl man sich mit dem Image was Metal/HC nach aussen verkörpern will, nämlich am Rand der Gessellschaft zu stehen, dann vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster lehnt, wenn man im Endeffekt ein genauso unreflektierter Mensch ist wie der Rest da draussen. Zum braunen Sumpf muss ich glaub ich hier nicht viel erwähnen, jeder der sich schon mal damit beschäftigt hat, weiß das es eine NSBM-Szene gibt und das es viele Hörer/ Fans da draußen gibt, denen das auch egal ist was da so in der Musik thematisiert wird. Ich versteh das auch zum Teil. Ich meine mit Songs über den Teufel und über Krieg jagst du niemanden heut mehr Angst ein. Klar fällt es da einfach genau solche politischen Tendenzen aufzugreifen und diese Extreme für sich zu verwenden. Das schockt eben noch, dass ist böse und so weiter.

Ich würde mal gern die These in den Raum schmeißen das die Toleranz gegenüber offenen Faschismus und Rassimus in den letzten Jahren deutlich in die Höhe gegangen ist und sich beide Ismen auf den Weg in den Mainstream bewegen. Wenn Varg Vikernes auf seiner Seite mal wieder seine Arier-Nummer durchzieht oder irgendwelche Ami-BM-Bands gegen die jüdische Weltverschwörung hetzen und das tausende von hippen uniformierten Menschen abfeiern, ohne zu verstehen was da gerade passiert, dann macht mir das Angst und ich will damit nichts zu tun haben. Darum thematisieren wir das, und werden das auch in Zukunft weiter machen.

Torsten: Das was ich an dieser Glorifizierung bzw. den Provokationsversuchen wirklich sehr traurig finde ist, dass es echt eine Menge Bands aus dem DIY-Bereich gibt, die beispielsweise einen Menschen wie Varg Vikerne inkl. Burzum und dem gesamten musikalischen Output separat von seiner politischen Meinung sehen wollen. Das ist scheinbar vor allem in Nordamerika kein grosses Problem, aus welchen Gründen auch immer. Zum Glück gibt’s vor allem in Schland nicht so nen grossen Raum für solche zwiespältigen Geschichten.

Ami-Bands, die Burzum-Songs covern, werden hier konsequenterweise einfach nicht gebucht.

Menschen, die mit Shirts solcher Bands auf Shows auftauchen werden nett, aber sehr bestimmt gebeten, zu gehen…meistens.

Es gab Anfang 2000 zum Beispiel auch mal ne Band auf Revelation Records, die musikalisch relativ unspektakulär waren, aber live nur mit SS-ähnlichen Uniformen auftraten.

Sowas wird dann als Kunst oder irgendne Form von Humor verkauft…nur das mich das nicht zum Lachen bringt.

Leider muss ich gerade hier wieder mal eingestehen, dass so der Grossteil des HC-Punk immer mehr zum gesellschaftlichen Abziehbild mutiert, Styles, Hypes und Accessoires immer wichtiger werden.

Sexualisierungen, Pauschalisierungen und Ausgrenzungen inklusive.

Frag Tom mal, was passiert, wenn er sich mit Jackett in ein Berliner Hausprojekt setzt.

5. Rechte Tendenzen und NSBM sind seit Jahren ein Problem, mit dem sich der Black Metal und seine Fans immer wieder rumschlagen müssen. Oft zu recht, an anderen Stellen aber leider auch aus falscher Pauschalisierung heraus. Weniger publik ist hingegen die aktuelle Strömung aus der linken und autonomen Ecke, die langsam im Black Metal Fuss fasst. Teilweise noch mit deutlichen Bezügen zur zweiten norwegischen Welle, andererseits aber auch herrlich befreit von Genrezwängen und dadurch in den Mikro-Schubladen Post- und Hipster-Black Metal daheim. Populärste Beispiele sind sicher Wolves In The Throne Room und Altar Of Plagues. Aber gerade im Untergrund und der Crust-Szene gibt es noch viele Bands, Gottesmörder, Unru, Embers, Endless Disease oder jüngst auch Red Apollo, um nur ein paar zu nennen. Warum denkst Du, dass eine Gegenbewegung aus einem anderen musikalischen und auch soziopolitischen Kontext entwächst? Reichen Crust, Punk, Hardcore und Grindcore nicht mehr aus, um eine deutliche Botschaft zu transportieren?

Tom: Gut das du das ansprichst weil ich glaube für meinen Teil das die Zensur und die Pauschalisierung die aus, wie ich vermute guten Beweggründen heraus entsteht, manchmal die Falschen trifft und das manche Menschen ihr politisch gefestigtes Regelwerk manchmal für die einzige Wahrheit halten und sich mit ihrem Tunnelblick da etwas verrennen. Man kann Metal und Punk/HC da auch nicht gleichstellen. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Ich meine, Metal ist für viele Fans unpolitisch und es geht da inhaltlich halt um ganz andere Sachen als im HC/Punk Bereich. Viele stören sich da an langhaarigen Faschos nicht solange die nett ihr Bier mit den andern trinken und die Politik auf das Burzum-Shirt begrenzen. Klar stößt das vielen Menschen, die da sensibler sind was Politik angeht, auf und das find ich auch gut so. Für mich war Metal mein erster Berührungspunkt mit extremer Musik und “Randkultur”, aber HC bleibt das was mir inhaltlich neuen Input gegeben hat und wo ich mich über reale Sachen mit Leuten austauschen kann. Ich glaube vielen HC kids geht’s da wie mir. Die finden Metal super, aber haben halt eine andere Attitüde als die Metal kids. So erklär ich mir teilweise auch den immer wiederkehrenden Versuch der Fusion zwischen beiden. Ich meine das ist ja eine Neverending Story mit Crossover seit den 80ern. Ob Hardcore nicht mehr ausreicht um Botschaften zu vermitteln? Keine Ahnung, aber ich glaube auch nicht das viele noch an Botschaften glauben oder sie hören wollen. Und wenn ich ganz ehrlich bin glaub ich an sowas wie Gegenbewegung auch nicht so recht, weil wenn ich mir die Leute anschaue die kommen und gehen und die nichts mitnehmen außer die konservative Lebenseinstellung ihrer Eltern, hat es dann je eine Gegenbewegung gegeben? Oder sprechen wir hier nur von einzelnen Individuen?

Torsten: Bei Tom’s letzten Sätzen geh ich mit. Es gibt einfach zu oft diese in x Straight-Edge-Songs beschriebenen Situationen, bei denen einer in der Crew droppt weil er jetzt 21 geworden ist, sich Schnaps kaufen kann, die ganzen letzten Jahre der Rebellion im Dunste des Alkohols erstickt und bei Apple anfängt und plötzlich schwere Depressionen bekommt…checkt ihr diese (halbe) Metapher?

Was ich nicht so sehe ist wiederum den nicht-politischen Anspruch im Metal. Es gibt Bands wie Napalm Death, die immer für ein deutliches Statement gut sind. Dann noch einige Bands auf Relapse Records. Über den Begriff „unpolitisch" ließe sich auch diskutieren, denn jeder Mensch der ersten Welt ist in seinem Handeln immer irgendwann politisch ausgerichtet bzw. zieht eine politische Konsequenz nach sich. Im Querschnitt des Metals mag Tom da sicherlich Recht haben, aber das ist dann andererseits im HC-Punk nicht sehr viel anders.

Und das ist für mich dann auch einer der wichtigsten Gründe, warum Ancst diese ganzen „Mantras" nennt. Wir leben alle auf eine gewisse Art diesen DIY-Spirit, stehen hart auf Metal und haben aber immer eine sehr sozialkritische Ader (….wie pathetisch). Die Musik ist wahrscheinlich zu metallastig um wirklich kompatibel für das Standard-HC-Kid zu sein und andererseits wiederum zu PC für das Wacken-Volk.

Und das mag ich persönlich sehr, weil ich zum Teil auch wenig Lust habe an diesem „Scenester"-Ding teilzuhaben, weil selbst bei manch einer politisch ausgerichteten Band der Konsum von Merchandise für mich unangenehme Ausmaße annimmt.

Ancst - Demo

6. Wo siehst Du denn die Wurzeln oder vielleicht einfach nur die Einflüsse von ANCST? Ich denke, das Spektrum ist breit gefächert, von Fall Of Efrafa/Hardcore über Tragedy/His Hero Is Gone/Crust oder Downfall Of Gaia/Post Metal hin zum Archgoat/Black Metal hört man alles bei euch…

Tom: Ich für meinen Teil steh hart auf alte Ulver, Dissection, Immortal und Darkthrone. Nicht unbedingt das was korrekt ist, aber musikalisch sehr inspirierendes Zeug. Desweiteren spielt bei mir viel Death Metal ne Rolle. Napalm Death, Incarnation, Immolation, Malevolent Creation, Bolt Thrower aber auch neuere Bands wie Black Dahlia Murder oder technischer Kram wie Defeated Sanity oder Wormed. HC-mäßig viel Screamo, weil das kommt am nächsten an Black Metal ran für mich und natürlich viel Emo Crust ala Ekkaia oder Madame Germen. Metalcore darf natürlich nicht fehlen: Suicide Nation, As Hope Dies, alte Heaven Shall Burn etc etc.

Torsten: Ich bin da wahrscheinlich schon sehr viel Metalcore-geprägter als Tom und ich rede hier von allem was VOR Parkway Drive diese Bezeichnung verdient hat. Da ich mit der Instrumentalisierung nicht zu viel zu tun habe, kann ich zu den musikalischen Einflüssen von Ancst nicht wirklich viel sagen. Abgesehen davon wäre die Liste meiner persönlichen Einflüsse viel zu lang. Textlich werde ich ganz platt von meinem Leben und dem, was ich täglich erlebe, beeinflusst. Gerade bei „The Humane Condition" hab ich versucht, mich mit natürlichen und unnatürlichen Ausgrenzungsmechanismen auseinanderzusetzen und mir viel Literatur reingezogen bzw. die angefangenen Bücher endlich mal zu Ende gelesen.

Das geht dann beispielsweise über die Flüchtlings-/Asylpolitik in Europa hin zu den vielfältigen Formen sozialer Ausgrenzung von der immer mehr Menschen betroffen sind, aber auch über das Selbstverständnis und der Selbstgerechtigkeit vieler politischer Aktivisten der sogenannten „Linken", die nicht über ihren Tellerrand hinwegsehen können und sich mit ihrer Perspektive fälschlicherweise über andere stellen. Ich persönlich distanziere mich von solchen politischen Gruppierungen, weil mir das nicht weit genug gedacht ist und koch lieber oder leider mein eigenes Süppchen. Auf der kommenden Split mit Hiveburner wird sich zum Beispiel bei „The Faceless" ein Song thematisch mit den unzähligen gescheiterten Fluchtversuchen übers Mittelmeer nach Europa beschäftigen und wir alle im Grunde einen Fick auf diese gescheiterten Existenzen geben.

Edit: Tom hat in seiner Liste natürlich Behemoth vergessen…

7. Wie gesagt, ich bin erst zur “The Human Condition” auf euch aufmerksam geworden. Aber soweit ich weiß, habt ihr euer erstes Demo nicht selber veröffentlicht, sondern über Skull Witch Records raus gebracht. Ich kenne das Label zwar nicht, aber wenn ich die anderen Releases sehe, sieht es nach guten Freunden aus der DIY-Szene aus, richtig? Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Kannst Du mir was über das Tape erzählen? Aufmachung, Auflage, ist es noch verfügbar?

Tom: Skull Witch ist quasi das Afterlife Kids Band/Kollektiv-Label über das wir viel Berliner Kram veröffentlichen, sei es nun HC, Metal oder Noise. Meistens, wie auch beim Ancst Demo, passiert das in Zusammenarbeit mit dem Label unseren Freundes Fischi welches “Mustard Mustache” heißt. Das ist alles stark im Freundeskreis verwurzelt bei uns. Die meisten Bands die da veröffentlicht werden sind Freunde oder nähere Bekannte. Das Ancst Demo Tape ist noch zu haben. Es gab 3 Auflagen davon jede 100 Stück. Bis auf die 2. Auflage sind alle handnummeriert.

8. Kürzlich erschien eure EP “The Human Condition” über Dark Omen Records. Warum habt ihr nicht weiter mit Skull Witch Records zusammengearbeitet? Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Jonas?

Tom: Ich hab rumgefragt im Netz, wer potentiell Lust hätte da in Zukunft was zu machen und Jonas war mit der erste, der sich da gemeldet hat. Ich find Dark Omen cool und hab mit ihm ein paar Sachen getauscht und er hat das Tape gemacht. Ziemlich einfach, nett und unkompliziert. Ich find’s ja persönlich ganz gut, wenn man so die Releases ein bisschen verteilt und noch andere Leute in den Sumpf mit rein zieht.

Ancst - The Human Condition Tape

9. “The Human Condition” erschien in zwei unterschiedlichen Varianten: Einmal als orange Preorder-Edition, limitiert auf 15 Stück und dann noch 85 Kopien in Lila. Warum diese Trennung? Soweit ich mitbekommen habe, war die Vorverkaufsedition auch nach Release nicht ganz vergriffen, denn ich habe noch problemlos eine Kassette bekommen. Dafür fand ich das Gimmick mit dem fetten Patch sehr nett! Wäre es nicht cool gewesen, wenn ein Patch reguläre Beigabe zu dem Tape wäre? Wessen Idee war diese Dreingabe? Eure oder von Dark Omen Records.

Tom: Das war Jonas Idee. Er fragte mich ob wir nicht Bock auf ein Gimick hätten und da sagten wir natürlich nicht nein. Grundsätzlich mag ich ja so fancy Sachen. Wertet sowas schon auf. Beim nächsten Mal dann vielleicht alle Tapes mit Patch.

10. Neben der “Anti”-Triologie, stellen ANCST auch den DIY in den Vordergrund. Doch was bedeutet DIY wirklich für euch? Manche verstehen darunter die komplette Eigenproduktion und lehnen dadurch professionell überspielte Demo-Kassetten und die Zusammenarbeit mit Labels kategorisch ab. Andere hingegen sind da lockerer und lassen sich gerne das Kopieren der Kassetten und den Druck der Inlays abnehmen, verbringen aber Stunden mit dem Paketieren der Einzelteile. Wie viel Arbeit habt ihr selber in “The Human Condition” gesteckt? Habt ihr die Patches selber gedruckt?

Tom: Für mich zieht sich das seit Jahren durch mein Leben. Ich hab meine kleinen Tape-Labels, spiele in Bands, mache Zines, entwerfe Shirt-Designs für andere Bands, buche meine Touren selber und und und. Wenn’s keiner macht, muss man eben selbst ran. Und um ehrlich zu sein macht das eine Menge Spass und erfüllt mich sehr, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, ich hab mir etwas zu viel vorgenommen. Ich will da kein Fass aufmachen, wie wichtig DIY sein könnte oder ist. Für mich persönlich ist das ein selbstverständlicher Teil meiner Person. Ich bin da auch nicht elitär was DIY angeht. ich kauf lieber ein Pro-Tape, das qualitativ hochwertig ist, als irgend ein räudiges recyceltes Tape aus der Grabbelkiste, weil DIY kann auch Qualität bedeuten. Nur weil du es selbst machst, muss es nicht scheisse sein. Darum ist die Artworks im Copyshop und Tapes überspielen lassen nicht immer die schlechteste Entscheidung wenn du ein Release machen willst, das gut sein soll. So zum Beispiel gehen alle Szenepunkte für „The Humane Condition" an Dark Omen Records. Wir haben Musik und Artwork gemacht und Jonas hat den Kram überspielen lassen und gedruckt.

11. Zwischen eurem Demo und “The Human Condition” ist eine gewaltige Entwicklung von ANCST. Die Songs dauern doppelt so lange, nehmen sich entsprechend mehr Zeit, um sich aufzubauen und zu entwickeln, zeigen aber auch deutliches Wachstum im Riffing und Songwriting. Besonders “Entropie” verheiratet wunderschön crustigen Hardcore mit melancholischen Melodien, nihilistischer Attitüde und derben, wenngleich auch melodischem Black Metal Geprügel. Ein Hit vor dem Herren, ein richtig mörderisches Brett. Doch wie siehst Du die Entwicklung von ANCST vom Demo zur aktuellen EP?

Tom: Die Demo-Songs sind schon 2010/2011 aufgenommen worden und halt in einer Nacht hingerotzt. Torsten hat dann erst Mitte letzten Jahres, als wir Ancst gestartet haben, rübergesungen. Bei den neuen Songs hatte ich ein klares Release vor Augen und wollte mir auch etwas mehr Zeit nehmen. Ich hatte schon Bock das “The Humane Condition” was anderes wird und vor allem melodischer. Auch hatte ich hier speziell bei den Aufnahmen Hilfe von Freunden und der ein oder andere hat auch seinen Gitarrenpart zur EP beigetragen.

12. Tape ist schön und gut, besteht aber dennoch die Möglichkeit, dass “The Human Condition” irgendwann mal als 7" EP erscheint?

Tom: Klar, hätte ich Bock in Zukunft auch was auf Vinyl zu machen, aber ich glaub für uns macht das noch keinen Sinn. Vor allem weil wir nicht die Reichweite haben um so eine Auflage los zu werden, wenn wir nicht live spielen. Aber falls jemand Bock hat bzw. Lust sich das mit ein paar anderen Labels zu teilen, wäre das machbar.

13. Das Interview nähert sich seinem Ende! Darum die obligatorische Frage nach eurer Zukunft. Ihr habt zwar unlängst erst was rausgebracht, aber die zwei Tracks machen Lust auf mehr. Wann gibt es neues Material von euch? Bleibt ihr erst mal im Demo/EP Bereich, oder kann man demnächst mit einer Full-Length rechnen? Wann kommt ihr denn mal hier in Aachen vorbei und bespielt unser schönes AZ?

Tom: Wir nehmen gerade die letzten Vocal-Tracks für unsere Split mit Hiveburner auf. Die wird es als Tape über Skull Witch und Mustard Mustache geben. Dann wird’s im Sommer eine Split mit den Texanern von Cara Neir geben. Label haben wir noch nicht geklärt. Des weiteren werden wir zwei neue Songs auf ein paar Compilations verteilen die in den nächsten Monaten rauskommen. Aber dazu darf ich noch nichts sagen. eine Full-Lenght erst mal nicht. Lieber noch ein paar EPs. Des weiteren könnten wir einen Live-Drummer gebrauchen um einen Aachen-Trip zu rechtfertigen. Falls sich jemand angesprochen fühlt kann er/sie sich ja bei uns melden.

14. Tom, vielen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten. Ich werde ANCST auf jeden Fall im Auge behalten und freue mich schon darauf, euch mal in einem netten Squat zu sehen. Bis dahin wünsche ich euch alles Gute und überlasse die abschließenden Worte Dir und ANCST!

Tom: Hey Chris, ich hab zu danken. Alles gute dir.

Torsten: Sorry für die vielen Schachtelsätze…