Ein guter Kaiser

Ich hatte gestern ein Gespräch mit jemanden, den ich früher ziemlich bewundert habe. Leider wurde ich zum wiederholten Male desillusioniert, enttäuscht. Wie bei vielen verbitterten Menschen ging das Gespräch sehr schnell zur Unheilsverkündung: „Diese Krawalle in Europa, schlimm. Und das gleiche haben die auch hier in Deutschland angekündigt“. Auf die Anmerkung, dass die „Gen Z regelt“ eine legitime Demonstration sei, und der Deutsche eine andere Protestkultur als der Franzose, der gerne mal Dinge abfackelt und Guillotinen aufstelle, hätte, wurde nur entgegnet, dass man „professionelle Krawallmacher aus dem Ausland einfliegen würde“. Das war der Zeitpunkt, wo ich mental aus dem Gespräch ausstieg, aber mich dennoch weiter mit der Entwicklung meines Gesprächspartners beschäftigte…

Wie gesagt, ich habe diesen Menschen früher einmal ziemlich bewundert. Er war humorvoll und beliebt, hat zuweilen eine gewisse Mentor-Rolle in meinem Leben innegehabt. Doch über die Jahre wurde er verbittert. Dabei sind mir die Gründe und Ursachen rätselhaft. Eigentlich sollte er eine gute und stabile Rente haben, dank seiner ehemaligen Tätigkeit bei einem großen Energiekonzern. Existenzsorgen sollten ihn also nicht treiben. Und auch sein Stromkontingent entkoppelt ihn von der aktuellen Energiekrise, die uns alle betrifft. Aber eben dieser Hintergrund, die Indoktrination seines alten Arbeitgebers, legitimiert für ihn schon seinen Hass auf die Grünen. Dunkelflaute ist das ewige Schreckgespenst. Batterie- und Pufferspeicher gibt es nicht und wird es nicht geben. Nur Kohle- und Atomstrom kann unsere Zivilisation retten und aufrecht halten. Gut, das ist erstmal seine Meinung. Leider kann man da auch faktenbasiert nicht gegenargumentieren. Für ihn wird wohl ewig gelten: Was soll Deutschland schon machen, erstmal muss der Chinese sich ändern. Egal, wie sehr China schon seine Energiewende vorangetrieben hat.

Damit ist er aber erstmal nicht alleine, der Grünenhass ist ja quasi Weltkulturerbe bei den alten, weißen Männern und er ist damit in bester Gesellschaft bei Markus Söder. Vielmehr kommt mir ein anderes Gespräch gerade in den Sinn, bei dem er meinte, dass wir wieder einen guten Kaiser bräuchten. Jemand, der mit starker Hand und ohne ewige Diskussionen gute Entscheidungen träfe. Auf meine Rückfrage, ob er sowas wie Donald Trump mit seinen Dekreten meine, erwiderte er vehement: „Ein GUTER Kaiser“.

Ich war geschockt. So eine Aussage von jemanden, den man für intelligent und halbwegs weltoffen gehalten hat.

Doch wenn ich drüber nachdenke, kann ich es schon verstehen. Jemand, der einem Entscheidungen abnimmt und Befehle gibt, entbindet einen von Verantwortung. Man muss sich nicht mehr selbst mit komplizierten Sachverhalten auseinandersetzen, keine eigene Meinung haben und diese auch nicht fundiert begründen können. Dazu kommt die Flucht in eine nostalgisch verklärte Vergangenheit, in eine vermeintlich einfachere, überschaubarere Zeit. Die „gute alte Zeit“ – was auch immer das sein soll. Das Nachkriegsdeutschland, in dem mein Gesprächspartner aufgewachsen ist? Ausgerechnet das war ja kein Kaiserreich, sondern eine junge Demokratie, die sich ganz bewusst für Parlament, Kompromiss und lange Diskussionen entschieden hatte. Und genau daraus ist der Wohlstand entstanden, von dem er heute lebt.

Und auch, wenn er beim letzten Gespräch die Hoffnung äußerte, dass es bei den Demonstrationen in Deutschland nicht zu Ausschreitungen käme, fürchte ich, er wünscht sich Eskalationen bei „Gen Z regelt“. Das würde sein Weltbild unterstützen und eventuell härtere Maßnahmen legitimieren, natürlich gegen diese bösen Linken, die ja unser Land aktuell in den Kommunismus stürzen wollen. Auch wenn er das Lippenbekenntnis gibt, so wird er sicherlich enttäuscht sein, wenn sein befürchteter Weltuntergang ausbleibt. Denn diese Weltuntergangsszenarien, diese Angst vor Fremden und Veränderung, sind irgendwie essenzieller Bestandteil seiner Weltansicht, die eben nur ein Kaiser mit konservativer Führung wieder in die richtigen Bahnen lenken kann.

Ich bin nach wie vor schockiert. Und desillusioniert ob der sehr guten Erinnerung, die ich von diesem Menschen hatte. Und müde vom Kampf gegen Windmühlen.