Kitkat Club: Kinks Of Berlin

Wir waren im Kino. Wenn ich mich recht entsinne, sogar zum ersten Mal zusammen. Es begann mit einem spontanen Anruf von einem Bekannten, seine Freundin wäre verhindert und er hätte noch eine Karte über. Ob nicht einer von uns mitkommen würde. Da wir beide interessiert waren, haben wir noch ein weiteres Ticket gekauft und sind spontan zu zweit mitgegangen.

Die Aufführung war im Apollo Kino in Aachen. Ein Laden, der eher für Nischen und alternative Filme bekannt ist, und sein Tagesgeschäft eher als Club für Tanzveranstaltungen hat. Dennoch stehen immer wieder interessante Filme auf dem Programm, die es nicht in das Mainstream-Kino in Aachen schaffen. Das letzte mal war ich jedoch auch vor bestimmt 10 bis 15 Jahren im Apollo für einen Film. Überraschenderweise war der Saal auch nur mäßig gefüllt; wenn es 20 Leute waren, war es viel. Das lag vielleicht aber auch an der unterwöchigen Einzelaufführung und dem doch eher speziellen Thema für die Kaiserstadt…

Der Kitkat Club in Berlin ist berühmt und berüchtigt, Legende und Mythos zugleich. Und auch, wenn der Laden aktuell keinen besonderen Anlass bietet, wie etwa ein rundes Jubiläum, kamen dieses Jahr gleich zwei Dokumentationen auf den Markt, „One Night at Kitkat“ in der ARD Mediathek (noch nicht gesehen) und „Kitkat Club - Kinks Of Berlin“, der eben diesen Abend auf dem Program stand.

Der Film ist kunstvoll und dreckig zugleich. Gänzlich in schwarzweiß gedreht, nimmt er dem Treiben das Schrille und setzt vieles stilvoll in Szene, was ansonsten schlicht vulgär gewirkt hätte. Untermalt wird alles mit treibenden Techno-Beats und gelegentlicher Zwölftonmusik in Streichern und Piano. Doch meist sind es schlicht die Dialoge, die eben den Ton angeben. Hauptsächlich auf deutsch, aber auch englisch mit Untertiteln. So vielfältig, wie die Hauptstadt nunmal ist. Dass manch gesprochenes Wort durch die Gesichtsmasken eher schlecht verständlich ist, trägt auch nur zur Authentizität bei.

Die Darstellung ist unverblümt, ungeschönt und an einigen Stellen schon drastisch. Hier wird kein Hehl darum gemacht, dass irgendwelche Drogen konsumiert werden, gar freizügig exponiert ausgelegt werden. Und auch potenzsteigernde Mittel, die mittels Spritze direkt in den Penis injiziert werden, sind kein Tabu. Da sind die Natursekt-Filme vom Kitkat-Erfinder fast schon banal und an manch expliziter Darstellung von Geschlechtsorganen und Akten stört man sich dann schon am wenigsten - sowas erwartet man doch quasi von solch einer Dokumentation, oder?

Auch wenn unterschiedliche Charaktere in dem Film portraitiert werden, liegt der gefühlte Fokus stark auf Puppy-Play und der Drag-Queen. Da geht der feministische Aspekt mit dem Wunsch nach mehr FLINTA und Sober-Parties fast schon etwas unter. Genau so der Absturz eines Protagonisten in die Drogen und sein aktueller Versuch des Entzugs. Alle Exzesse wirken irgendwie banal. Und gefühlt geht keiner der gezeigten Stammgäste einer Lohntätigkeit nach, sondern lebt nur für den Hedonismus in seiner 12m² Wohnung. Das mag vielleicht gerade das unbequeme an diesem Film sein, nicht etwa der Sex selber.

Der Erfinder des Kitkat-Clubs sagt wenige Worte in dem Film. Und dennoch spricht er Bände; zeigt sich als ziemlich unsympathischen Gesellen.

Am Ende war es ein sehr interessanter und ehrlicher Einblick in Szene, die durch Mythen und Legenden stark verzerrt ist. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Dokumentation die meisten Leute nicht eher vom Besuch des Ladens abhalten wird. Zum Nachdenken wird man dennoch angeregt. Und auch ich habe den Film wohl noch nicht ganz verarbeitet. Aber ist das nicht genau das Qualitätsmerkmal einer guten Dokumentation? Dass sie zum Nachdenken anregt?