Warum ich ins Gym gehe

Ich finde es ja immer wieder spannend, wie gewisse Sportarten medial als Goldenes Kalb präsentiert werden. Gerade Fussball, Tour De France oder auch Dart sind unumstößliche Heilige. Hingegen wird das „Gym“ gerne als gemeinsames Feindbild gesehen. Als pauschal toxisch-maskulin, als Egoismus, als mysteriöse Freizeitbeschäftigung der Gen-Z und Brokkoli-Köpfen.

Ich persönlich finde mich ja in dieser Pauschalbetrachtung häufig angefeindet. Natürlich unbegründet angefeindet, weil den meisten Autoren und Aussagenden schlicht die Kompetenzen und Erfahrungen für fundierte Argumentation fehlen. Und natürlich auch so total unbegründet, denn was weiß der jeweilige Autor schon über mich als Individuum, um mich persönlich anfeinden zu können?

Individualkritik am „Gym“ ist eigentlich auch nur schwerlich möglich. Die Klientel könnte im Endeffekt nicht heterogener sein. Gerade in meinem Dorf-Gym trainieren sowohl die berühmten Brokkoli-Köpfe, aber auch Rentner. Von Bodybuilding zu Reha-Sport oder auch spirituellem Yoga hat das Studio ein breites Angebot. Hier trainieren Galabauer, Polizisten, Manager und bereits benannte Senioren. Jeder hat seine eigene Motivation, warum er ins Fitnessstudio geht. Und ähnliche Diversität hatte ich zuvor auch in kommerziellen Gyms, wenngleich auch nicht so ausgeprägt, wie im kleinen Hinterhofladen.

Doch was ist eigentlich meine persönliche Motivation, dass ich eben seit fast 20 Jahren ins Fitnessstudio gehe und, von kleinen Abstechern in den Laufsport abgesehen, dieser Art der sportlichen Betätigung treu geblieben bin?

Physische Gesundheit. Ich bin ein Bürohengst. Quasi klassisch 9-to-5. Aber in der Schnittmenge aus IT und Telekommunikation werden daraus gelegentlich auch schon mal deutlich mehr als die vereinbarten 40 Stunden pro Woche. Schlussendlich sitze ich viel auf meinem Popo. Mehr als diesem gut tut, denn sitzen ist ja bekanntlich das neue Rauchen. Und da kommt mir Kraftsport, gerade Ganzkörpertraining, sehr zu gute. Meine Rückenmuskulatur ist gestärkt und verzeiht mir das viele sitzen und rumlümmeln im angeblich ergonomischen Bürostuhl. Persönlich merke ich bereits ein paar Wochen Abstinenz vom Gym direkt in der Lendenwirbelsäule.

Mentale Gesundheit. Der eine verteufelt die repetitiven Wiederholungen im Gym. Ich finde es jedoch klasse. Gerade in dieser monotonen, rein körperlichen Aktivität, kann der Geist Dinge aufarbeiten - und driftet irgendwann in einen wunderschönen Leerlauf. Der einzige Sport, wo ich besser mentale Steine sortieren konnte, war das Laufen. Aber das Gym kommt schon ziemlich gut daran. Und gerade nach einem geistig fordernden Arbeitstag, bringt das Fitnessstudio Körper und Geist auf das gleiche Niveau - und somit auch irgendwie in Einklang. Außerdem ist das Gym absolute Me-Time. Nur ich, das rostige Eisen und die gottloseste Neandertalermusik von Welt; einfach mal die gesamte Welt für ne dreiviertelstunde kurz pausieren.

Disziplin und Struktur. Ich bin ja so ein Mensch, den beruhigen Strukturen ungemein. Ich mag feste Abläufe und einen festen Wochenplan. Natürlich sind spontane Änderungen kein Beinbruch für mich und im „German or Autistic"-Score bin ich halbe-halbe. Dennoch trägt mein Trainingsplan ein paar feste Konstanten in meinen Wochenablauf, die mir gut tun. Und dass ich mich gelegentlich auch mal zum Training zwingen muss, manchmal auch über ein paar Wochen, endet auch immer in einem guten Gefühl. Natürlich im tollen Eigenlob, dass man ja so diszipliniert ist. Aber auch in zuvor genannter Kopf-Körper-Gleiche, die sich einfach nur gut anfühlt.

Ertüchtigung für andere Dinge. Sicherlich könnte ich meine alltäglichen Herausforderungen auch ohne das Gym irgendwie stemmen - pun intented. Aber ich weiß auch genau, dass so manche Tätigkeit deutlich mühseliger wäre. Angefangen sicherlich von den Wocheneinkäufen und dem Kasten Büchsenbier, dass 11 Stufen vom Hauseingang in die Wohnetage transportiert werden müssen. Und gerade die Gartenarbeit währe ohne Gym wohl der dickste Endgegner. Aber ich bin auch sonst ein gern gesehener Gast bei Umzügen und bekomme eigentlich immer die Waschmaschine für mein persönliches Vergnügen reserviert - und das ist leider nur teilweise als Witz zu verstehen. Aber immerhin gibt es bei Umzügen Pizza und Büchsenbier als Entschädigung, fine for me!

Bildung und Verständnis. Macht man Kraftsport, ist man schnell der Gym-panse. Also so ein rasierter Affe, der ja lieber einen Muskel trainiert, als eine Geschichte zu lesen. Dabei bietet gerade Kraftsport echt viel Weiterbildungspotential. Angefangen natürlich mit so fundamentalen Dingen, wie Ernährungstheorie. Ich bin sicherlich nicht der große Fan vom Kalorienzählen, aber denke schon, dass man das für 3 Monate mal gemacht haben sollte, um ein grundlegendes Verständnis für Nähr- und Brennstoffe zu bekommen. Und wenn man dann etwas mehr Details um Makronährstoffe, Vitamine und Mineralien weiß, ist man sicherlich auch nicht mehr so anfällig für so manches High-Protein-Schlangenöl, was aktuell überall angeboten wird. Aber richtig spannend kann es eigentlich bei der Weiterbildung um Anatomie, Muskelfunktionen und sportwissenschaftlichen Publikationen werden. Gerade Studien und Metastudien gibt es haufenweise und regelmäßig neue. Schlussendlich würde ich gar behaupten, ich habe bisher mehr Zeit mit Literatur und Recherche denn im Gym verbracht. Ach, kleiner Exkurs an dieser Stelle: Immer wieder gibt es diesen Mythos, dass Leute im Gym ach so viel Zeit dort verbringen, in ihrem Körperwahn. Pustekuchen, ich bin zwei mal die Woche für jeweils 45 Minuten da. Da kann ich dann doch noch ein Gedicht schreiben und ein Buch lesen. Mein Pech…

Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein. Wenn man einmal etwas Bildung und Verständnis zum Thema Anatomie und Muskelfunktionen hat, und durch Kraftsport dann einen direkt spürbaren Bezug herstellen konnte, steigt direkt die Selbstwahrnehmung. Ich kenne meine körperlichen Grenzen besser, weiß, wie ich meinen Körper belasten kann. Und im Verletzungsfall weiß ich sowohl die Beschwerden richtig zuzuordnen und zu benennen, wie auch um mögliche Therapieformen. Ich habe ein besseres Bewusstsein ob meiner Selbst und meines Körpers.

Flexibilität und Freiheit. Ich mag an all dem Vereinssport am wenigsten, dass man immer abhängig ist. Von Trainingszeiten. Von den Launen anderer. Vom Verein. Alles nicht meins. Ich will Sport machen, wann ich es will und wann es mir passt. Im Hinterhof-Gym bin ich maximal an die Öffnungszeiten des Ladens gebunden. Dazwischen kann ich mich frei bewegen.

Kosteneffizienz. Glaubt man Influencern, braucht man 1000 Mittelchen und die feschen Klamotten von Gymshark oder Under Armor, damit man so ein richtiger Kraftsportler werden kann. Ich halte es da ja eher wie Markus Rühl: Apfelschorle und ein altes Death Metal Shirt reichen mir - obwohl ich gerade nicht sicher bin, ob Rühl Pestilence kennt… Und dann sind die €25 monatlicher Mitgliedsbeitrag im Studio echt Peanuts; da hat der Durchschnittsdeutsche wesentlich mehr Ausgaben für Streamingdienste. Aber ich brauche kein teures Carbonfahrrad, keine Schuhe mit komischen Noppen drunter oder sonst irgend welchen Firlefanz.

Community. Ja, irgendwie komisch, dass ich vorher noch herausgestellt habe, dass ich es eben total geil finde, von niemanden abhängig zu sein und eben das Gym als meinen Safe-Space für Me-Time ansehe und nun hier was von Community quassel. Aber irgendwie mochte ich schon immer diese kleine, verschworene Gesellschaft. Im kommerziellen Gym hat man schnell die Leute gefunden, die ähnliche Motivationen hatten, sich gegenseitig unterstützt oder gar über das eigene Studio hinaus mit Leuten aus dem Kraftsportverein zu tun gehabt. Hier auf dem Dorf ist es gleichzeitig auch eine Art Initiation in die Gemeinschaft. Erst wurde man noch komisch beäugt, man ist ja fremd und man sieht auch noch aus wie ein Fremder. Doch schnell hat sich das geändert und man ist offiziell im Dorf angekommen. Schon irgendwie nett.

Die liebe Eitelkeit. Digga, ich bin ein Kind der 80er. Meine visuelle Ästhetik wurde geprägt von He-Man, G.I. Joe, Hulk Hogan und Arnold Schwarzenegger. Natürlich hat das genau so einen Einfluss auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers, wie auch Barbie und Heidi Klum bei den Mädels - wo ja mittlerweile diese Beauty-Standards verpönt sind; wurde He-Man eigentlich schon gecancelt? Wie dem auch sei, ich war mein Leben lang so ein Spargel, hatte mehr Ellbogen als anatomisch notwendig sind. Das Gym hat dann irgendwann aus dem Spargel eine Karotte gemacht (der Terry Pratchet Fan mag die Referenz verstehen). Und das finde ich leider geil. Ist vielleicht nicht mein Primärziel beim Sport, dafür weiß ich mit über 40 schon die gesundheitlichen Aspekte zu sehr zu schätzen. Aber es ist ein angenehmer Nebeneffekt. Auch, weil ich damit stereotype Klischees bediene und für mein Gegenüber nicht direkt ein offenes Buch bin.

Tja. Schon gute Argumente für das Gym, oder? Also: Apfelschorle einpacken, die Playlist mit Devourment, Cannibal Corpse und Last Days Of Humanity füllen und ab in die Muckibude. Nach dem He-Man-Remake ist vor dem He-Man-Remake!

  • #gym