Diskurspogo Gym

Ich mag ja die TAZ. Sicherlich teile ich nicht alle dort publizierten Ansichten, sehe sie aber in meinem Nachrichtenkonsum als gutes Gegengewicht zu anderen Magazinen; mal ist es eine Echokammer für mich, mal aber auch genau die Reibung, die mich zum Nachdenken anstößt. Und sympathischerweise gibt es auch innerhalb der TAZ gewisse Selbstreflexion - eine Tugend, die ich mir bei manch anderem Blatt auch wünschen würde.

Doch so löblich diese kritische Selbstreflexion im Grunde auch ist, so kurzgedacht sind manche Wechselschlüsse auch leider. Oder zumindest aus meiner Perspektive. Da der Diskurspogo vom vom Austausch zu unterschiedlichen Positionen lebt, reagiere ich einfach mal auf eines meiner liebsten Reizthemen: Stilkritik am Gym.

Dabei stimme ich zumindest dem Aufmacher zu: „Wie wir Sport machen, ist politisch“. Wo ich jedoch etwas differenzieren würde: „Im Gym wird der Egoismus gefüttert.“ - Mag sein, ist aber als Allgemeinposten nicht ganz tragfähig.

Derweil der Artikel im weiteren Verlauf argumentiert, wie Sportvereine für Zusammenhalt und Gemeinschaft sorgen, stolpert eigentlich bereits die Einleitung etwas über die eigene These:

Als ich sagte, dass ich im Studio „trainiere“, fragte er ernsthaft irritiert: „Wofür?“ Es stand ja kein Wettbewerb an. „Für mich“, antwortete ich kleinlaut.

Genau das ist einer der Punkte, wo eben der Sportverein eigentlich das Ego nährt. Man trainiert nicht für sich, sondern um in einem Wettkampf besser als jemand anderes zu sein. Also nicht „für mich“, sondern „gegen jemanden“, um besser zu sein als jemand anderes. Ich weiß, eine krasse, durchaus bewusst überspitzte These. Aber ich kenne das durchaus auch aus dem Bekanntenkreis. Ohne einen Wettbewerb in Aussicht, verlässt so manchen Motivation und Ehrgeiz zum Training. Sport als Selbstzweck funktioniert da nicht, sondern ist nur die Plattform für den eigenen Sieg, die eigene Bestzeit, das eigene Ego.

Wie wir Sport machen ist politisch. Geht es um Optimierung, Protzen und gestählte Körper? Oder um Teamgeist, Spaß und aktive Freizeitgestaltung?

Auch hier greift die binäre Gegenüberstellung echt zu kurz.

Optimierung? Wo ist der Unterschied in der Optimierung zwischen Selbstoptimierung und der Optimierung für den Wettkampf? Protzen? Puh, wenn nicht Bolzplatzfussball Protzen ist… Und wird an dieser Stelle wirklich Spaß und aktive Freizeitgestaltung dem Fitnessstudio abgesprochen?

während Fitnessstudios versuchen, dir zusätzlich Proteinshakes oder ein Handtuch-Abo zu verkaufen. […] Im Fitti lernst du niemanden kennen, ausgenommen die Person, die dir Drogen verkaufen will.

Ich glaube eher, dass die Autorin bisher nur die großen kommerziellen Ketten wie FitX oder McFit gesehen hat. Es gibt immer noch die kleinen lokalen Fitnessstudios, die auch eine Gemeinschaft für sich sind. Wo das Gym ein Begegnungsort für jung und alt oder dick und dünn ist. Wo eben alle gleich sind, weil sie alle das Gleiche wollen: Gesund und aktiv sein. Und diese Form der Community kann man sogar in den großen Ketten finden, wenngleich das McFit vielleicht nicht ein Sommergrillen für Mitglieder ausrichten wird - die kleine Hinterhofbude hingegen schon.

Die Fitnessindustrie macht Kohle mit den Unsicherheiten von Menschen.

Und die Vereinssportindustrie wie UEFA, FIFA, DFB oder IOC macht Kohle mit dem Zugehörigkeitsgefühl und Merchandise. So what? Ist beides Scheiße, wie Kommerzialisierung im Allgemeinen. Aber kein Problem, was alleinig dem Fitnessstudio inne ist.

Etwas zu lernen, das taktisch und technisch anspruchsvoll ist, sei es Fußball oder rhythmische Sportgymnastik, ist beeindruckend.

Wenn man Kraftsport technisches Können absprechen will, kann man das durchaus machen. Dann verrät man aber auch nur, dass man unter Gym und Fitnessstudio vorurteilsbehaftet einfach nur Pumpen versteht.

Dabei gibt es kaum etwas Undisziplinierteres, als mehrmals die Woche Me-Time zu nehmen, um sich mit nichts als dem eigenen Körper zu beschäftigen. Zeit, in der man für Familie oder Freun­d*in­nen da sein könnte, Nachbarn unterstützen, im Tierheim aushelfen, sich im Umwelt- oder Katastrophenschutz engagieren könnte – oder in einer Vereinsstruktur.

Ach, das ist auch wieder dieses schöne Vorurteil: Jeder trainierte Muskel steht für ein nicht-gelesenes Buch, für ein nicht-gezeichnetes Bild, ein nicht-geschriebenes Gedicht.
Ist das wirklich so exklusiv? Weil ich im Gym war, kann ich nicht im Tierschutz helfen? Oder geht es darum, dass jedwede Sekunde Freizeitbeschäftigung, die nicht in einen altruistischen Zweck fließt, moralisch verwerflich sein soll? Wer definiert dann, was gesellschaftlich wertvoller ist? Ich persönlich bin ja der Meinung, dass jede Minute im Sportverein weniger wertvoll ist, als Zeit, die man im Tierheim aushelfen könnte…

Im Grunde verstehe ich ja den Ansatz von Simone (an dieser Stelle bin ich so frei und Duze die Autorin einfach, weil man im Sportverein sowas macht). Sie hat eine durchaus berechtigte Kritik und formuliert sie gleichsam provokativ - zumindest ist es meine Hoffnung, dass dies Intention war. Darum reibe zumindest ich mich ja an ihrem Text und habe das Interesse darauf zu reagieren.

Gleichsam ist es mir aber auch ein Bedürfnis, dass man das Thema „Gym“ realistisch und differenziert betrachtet. Sonst verfällt man schlicht in das stereotypische Gym-Bashing, das für jedes Lager eine low-hanging-fruit ist.

Gym wird häufig als homogener Begriff für die Fitness-Industrie und Bodybuilding verstanden. Dabei ist das Fitnessstudio weitaus mehr. Es ist ein Sammelbecken für Bodybuilding, Kraftsport (das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe), Reha, Gemeinschaftsaktivität, zuweilen Community. Natürlich wird dieses Sammelbecken durch kommerzielle Interessen, Influencer und Instagram-Vergleiche vergiftet. Aber diese Vergiftung betrifft eigentlich jedweden Aspekt des Lebens und ist nicht exklusiv auf das Gym limitiert.

Die Gründe, warum Leute ins Fitty gehen, sind so unterschiedlich, wie sie auch individuell legitim sind. Der eine will besser aussehen, der andere will endlich kräftig genug sein, um andere Aufgaben in seinem Leben leichter erledigen zu können. Mancher sieht den sportlich-technischen Aspekt, der nächste muss nach einer Krankheit überhaupt wieder seine motorischen Fähigkeiten erlangen. Mancher will bei schlechtem Wetter im Winter schlicht weiter laufen, andere verabreden sich, um gemeinsam mit Freunden körperlicher Aktivität nachzugehen. Und wieder der nächste will schlicht seiner Gesundheit etwas gutes tun, indem er sein Gewicht reduziert. Ist eine solche Entlastung des allgemeinen Gesundheitssystems nicht eigentlich auch etwas Gutes?

Für mich ist das Gym zusätzlich noch ein persönliches Stück Freiheit. Ich unterliege - wie wohl jeder Mensch - alltäglichen Zwängen und Verpflichtungen. Man hat seine Arbeitszeiten, ist an Termine und Öffnungszeiten gebunden, hat private Verpflichtungen. Warum soll ich mir dann noch zusätzliche Termine für den Sportverein als Rahmenwerk für meine Lebenszeit setzen? Ins Gym kann ich gehen, wann es mir passt. Gleiches gilt übrigens auch fürs Laufen - oder ist das auch egoistische Me-Time?
Sowohl Laufen wie auch das Gym sind dabei nicht nur meinem Körper zuträglich, sondern auch meiner mentalen Gesundheit. Nirgendwo kann ich besser gedankliche Steine sortieren, als bei diesen Aktivitäten; das wäre mir nicht möglich, wenn ich im Verein den Alltagsproblemen meiner Mitsportler zuhören müsste. Das offene Ohr für Freund oder Nachbar habe ich dann an anderer Stelle, wo ich mich auch gänzlich auf mein gegenüber konzentrieren kann, und nicht nur nebenläufig zuhöre, weil ich eigentlich dem Spielgeschehen folgen muss…

Wie gesagt: Es gibt Kritikpunkte am Gym. Kritik an der Fitness-Industrie, die Lebensmittelzusätze vermarkten wollen (Doppelherz anybody?), an Fehlinformationen zu Ernährungsstrategien, die auf einmal alles in High-Protein oder isotonisch zwingen und Kohlehydrate pauschal verteufeln. Kritik an Oberflächlichkeit durch Influencer - und dadurch auch an Vorurteilen - wobei das ja auch ein Wechselspiel ist, „der ist durchtrainiert, das ist bestimmt so ein Gym-Egomane“. Kritik an seelenlosen Fitnessketten. Und sicherlich auch Kritik am Mindset von so manchem Gym-Mitglied.

Aber: Hate the player, not the game. Blickt auf das große Ganze. Und argumentiert gezielt und differenziert. Sonst ist jedwede Kritik nicht mehr wert als stumpfe, vorurteilsbelastete Polemik.

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